VBZV-Newsletter 36/2025
- Freie Meinungsbildung ist in Gefahr! – „Wir brauchen gesetzliche Leitplanken für marktdominante Digitalplattformen zum Schutz freier Meinungsbildung“
- „taz“ stellt gedruckte Werktagsausgabe ein – gedruckte Wochenendausgabe bleibt
- Printzeitung ist resilienter Bestandteil des journalistischen Ökosystems
- „Augsburg checkt’s“: Gemeinsame Initiative gegen Desinformation gestartet / Fünf starke Partner machen Bürgerinnen und Bürger faktenfit
- Medientage München 2025: Rabattierte Tickets für unsere Mitglieder
I. Medienpolitik
Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger zu Googles AI Mode: Freie Meinungsbildung ist in Gefahr! – „Wir brauchen gesetzliche Leitplanken für marktdominante Digitalplattformen zum Schutz freier Meinungsbildung“
Google hat angekündigt, seinen AI Mode nun auch in Deutschland freizuschalten. Der Dienst wird in diesen Tagen nach und nach ausgerollt. Deutliche Auswirkungen auf Traffic bei Verlagen in Deutschland sind zu befürchten, das lässt sich aus einer Untersuchung aus den USA erschließen: Von einzelnen Anbietern wird dort in den Medien über einen Google-Traffic-Rückgang von bis zu 60 Prozent berichtet.
Die Möglichkeit zur Suche ohne AI Mode bietet Google zwar weiterhin an, für Nutzerinnen und Nutzer, die sich über den Browser www.google.de beim Suchportal einwählen, ist dieser Weg jedoch nicht sichtbar. Der AI Mode-Button ist hingegen sehr prominent neben dem Suchschlitz platziert, dort wo bisher der Schalter (die Lupe) für die Google-Suche war.
Es ist darum davon auszugehen, dass die Nutzung des AI Mode zügig ein zusätzlicher Standard bei den Nutzern wird.
Der AI Mode zeigt auch Quellen an, wenn wohl auch weniger als bisher in den KI-Diensten von Google und viel weniger als in der Suche ohne KI-Ergebnisse. Wie die Quellen gewichtet werden, ist aber bislang jedoch nicht transparent. Der AI Mode beantwortet auch Fragen zu aktuellen politischen Nachrichten, sog. Hard News (anders als AI Overviews).
„Wenn Google seine KI-Antworten an die Stelle journalistischer Quellen setzt, verlieren wir Informationsvielfalt“, kommentiert der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) die Ankündigung Googles, seinen AI-Mode auch in Deutschland freizuschalten. In der ARD-Tagesschau wies BDZV-Hauptgeschäftführer Jörg Eggers auf die Gefahr hin, dass den Verlagen durch Google immer mehr Traffic entzogen wird. „Das schwächt die Finanzierung und am Ende die Vielfalt der Angebote.“ Wenn Google immer weniger auf die journalistischen Originalquellen verlinkt, können Nutzerinnen und Nutzer nicht mehr prüfen, woher Informationen stammen. Damit geht Transparenz verloren – und letztlich Vertrauen.
Der BDZV fordert eine sofortige politische und regulatorische Prüfung des von Google angekündigten „AI Mode“. Solange zentrale Fragen zu Transparenz, Haftung, Quellenschutz und der Gefahr algorithmischer Meinungsmanipulation nicht geklärt seien, drohe eine ernsthafte Gefährdung der freien Meinungsbildung und der Medienvielfalt in Deutschland.
Zugleich fordert der Verband den Gesetzgeber in Deutschland auf, eine klare Grundsatzregel zu verankern: Marktdominante Anbieter von Betriebssystemen und Suchmaschinen dürfen nicht zugleich als Medienanbieter auftreten. „Mit der Einführung des AI Mode steht Deutschland vor einer Grundsatzfrage: Soll der Zugang zu Informationen künftig weiterhin von vielfältigen, redaktionell verantworteten Quellen geprägt sein? Oder werden zunehmend marktbeherrschende Digitalkonzerne mit algorithmisch erzeugten Texten die Meinungsfreiheit einschränken?“ erklärte ein Sprecher.
Googles AI Mode liefert Nutzerinnen und Nutzern KI-generierte Antworten ohne vorrangige Verlinkung zu den journalistischen Originalquellen. Dabei besteht die Gefahr, dass nicht nachvollziehbar ist, wie Inhalte ausgewählt, gewichtet oder verändert werden. Die Sichtbarkeit professioneller Medienangebote wird dadurch eingeschränkt, publizistische Verantwortung ausgehebelt – und aus Sicht des BDZV das Tor zur Manipulation der öffentlichen Meinung gefährlich weit geöffnet.
Der Verband fordert Google auf, den Einsatz des AI Mode in Deutschland auszusetzen, bis die offenen Fragen zu Transparenzpflicht, algorithmischer Steuerung, Quellennennung und Urheberbeteiligung bei Nachrichten geklärt sind.
Zugleich bekräftigt er das eigene Angebot an die Gesellschaft: Professioneller Journalismus bleibt der verlässlichste Kompass in einer zunehmend fragmentierten Informationswelt. Redaktionen ordnen Fakten, stellen Zusammenhänge her, kontrollieren Macht und bieten Orientierung – nicht durch Algorithmen, sondern durch Verantwortung.
„Wenn KI-Antworten den Journalismus verdrängen, verliert die Demokratie ihr Korrektiv“, so der Sprecher. „Was wir brauchen, sind nicht generische Antworten auf komplexe Fragen, sondern unabhängige Stimmen, die sich presseethischen Stan-dards verpflichtet fühlen.“
(Quelle: bdzv.de, 09.10.2025)
„taz“ stellt gedruckte Werktagsausgabe ein – gedruckte Wochenendausgabe bleibt
Als erste überregionale Tageszeitung stellt die Berliner „taz“ die gedruckten Ausgaben unter der Woche ein. Vom kommenden Montag, 20. Oktober2025, an wird die werktägliche Ausgabe der Berliner Tageszeitung „taz“ nur noch als E-Paper und App publiziert. Die Wochenendausgabe („wochentaz“) erscheint dagegen weiterhin gedruckt und digital.
„Während die Druck- und Vertriebskosten in den letzten Jahren immer weiter gestiegen sind, haben sich die Lesegewohnheiten stark verändert“, nannte Geschäftsführer Andreas Marggraf bei der Pressekonferenz am Dienstag in Berlin als Begründung für die Umstellung. Schon jetzt würden 60 Prozent der Menschen, die die werktägliche Ausgabe abonniert haben, die „taz“ nur digital lesen
Nach Angaben der Geschäftsführung geht es dem Verlag wirtschaftlich gut genug, dass der einkalkulierte Rückgang von 20 bis 30 Prozent bei den Abos für die gedruckte Zeitung – derzeit noch knapp über 14.000 Exemplare – verkraftet werden kann. Ein Stellenabbau sei weder in der Redaktion noch in der Verwaltung geplant.
Um Erfolg und Sichtbarkeit des haustypischen Journalismus auszubauen, wird auch weiterhin auf den Einsatz einer Paywall bei taz.de verzichtet.
Das Kombi-Abo, bestehend aus dem täglichen E-Paper und der gedruckten „wochentaz“, soll trotz der wegfallenden Kosten für Papier, Druck und Vertrieb genauso viel kosten wie bisher. Die Kunden zahlten „für den Journalismus, nicht für das Papier“, heißt es, wobei man bei der „taz“ weiterhin auf das „solidarische Preismodell“ setzt.
Die „taz“ ist die erste überregionale Tageszeitung, die diesen Schritt zum reinen E-Paper-Auftritt geht. Branchenweit hatten bislang nur wenige Titel wie die „Märkische Allgemeine“ für einige ihrer Lokalausgaben das Ende der gedruckten Zeitung beschlossen.
(Quelle: KNA, 15.10.2025)
Printzeitung ist resilienter Bestandteil des journalistischen Ökosystems
Der Kommunikationswissenschaftler Neil Thurman, Professor für Kommunikationswissenschaft und Experte für Computational Journalism an der Ludwig-Maximilians-Universität München, betrachtet die Einstellung der gedruckten Werktagsausgabe der „taz“ als Hybrid aus Notwendigkeit und Mut: Während rückläufige Printauflagen und steigende Produktionskosten ökonomischen Druck erzeugen, signalisiere der Wandel zugleich den strategischen Versuch, Medienhäuser zukunftsfähig zu machen.
Anhand internationaler Beispiele – etwa des Independent (UK) und der finnischen Taloussanomat – zeigt Thurman, dass die Umstellung auf rein digitale Geschäftsmodelle wirtschaftliche Stabilität, aber auch verändertes Nutzerverhalten mit sich bringt. Zwar blieb die Reichweite konstant, doch die Aufmerksamkeit der Leserschaft schrumpfte massiv: Die durchschnittliche Online-Lesezeit sank von rund 30 Minuten im Print auf etwa 10 Sekunden täglich. Digitale Umgebungen begünstigen ein fragmentiertes und flüchtiges Informationsverhalten, das zu geringerer Bindung und Loyalität führt.
Zudem bewertet Thurman die Erlöspotenziale digitaler Plattformen kritisch. Trotz Einsparungen bei Papier und Logistik können digitale Angebote die Verluste aus klassischen Werbeerlösen kaum ausgleichen. Plattformen wie Facebook oder Google dominieren mittlerweile den globalen Werbemarkt. Nur etwa 13 % der deutschen Bevölkerung bezahlen aktiv für Online-Nachrichten – ein Wert, der seit Jahren stagniert.
Die digitale Transformation verändert auch redaktionelle Arbeitsprozesse. Feedback-Mechanismen und Nutzungsdaten führen dazu, dass journalistische Inhalte stärker auf Reichweite und Resonanz optimiert werden. Das begünstigt Lifestyle-Formate und visuelle Formate, geht aber zulasten von Tiefe und Recherche. Thurman erwartet, dass auch die taz künftig stärker auf datengetriebene und visuelle Inhalte setzt, um Relevanz und Attraktivität im digitalen Raum zu sichern. Künstliche Intelligenz hat diesen Wandel zusätzlich beschleunigt. Automatische Zusammenfassungen, wie sie Suchmaschinenanbieter wie Google bereitstellen, reduzieren den Traffic auf Originalquellen um bis zu 50 %. Damit wächst der ökonomische Druck auf Verlage, die nun juristisch und strategisch gegen unvergütete Nutzung journalistischer Inhalte vorgehen. Gleichzeitig entstehen neue Kooperationsmodelle zwischen Medienhäusern und Technologieanbietern – Ausdruck einer ambivalenten Beziehung zwischen Kontrolle und Synergie.
In gesellschaftlicher und demokratietheoretischer Hinsicht betont Thurman den fortbestehenden Wert des Journalismus – unabhängig vom Medium. Während soziale Netzwerke Reichweite versprechen, bleibe der professionelle Journalismus unverzichtbar, um Agenda-Setting, Kontrolle der Macht und Aufklärung sicherzustellen. Die Kultur des Printjournalismus – Sorgfalt, Tiefe und Verantwortung – bleibt normativ bedeutsam, gerade angesichts der Beschleunigung digitaler Kommunikationsformen.
Trotz struktureller Umbrüche sieht Thurman weiterhin Zukunftschancen für Print. Weltweit generieren Zeitungen und Magazine noch immer über 70 % ihrer Gesamterlöse aus dem Printgeschäft, und neue Titel entstehen als hochwertig kuratierte Produkte. Frühere Online-only-Marken wie Newsweek oder NME sind zum Papier zu-rückgekehrt. Thurmans Fazit: Die Printzeitung ist keineswegs Relikt, sondern ein resilienter Bestandteil des journalistischen Ökosystems, der in einem hybriden Medienumfeld auch künftig seine Relevanz behaupten kann.
(Quelle: lmu.de, 15.10.2025)
II. Aus den Verlagen
„Augsburg checkt’s“: Gemeinsame Initiative gegen Desinformation gestartet
Fünf starke Partner machen Bürgerinnen und Bürger faktenfit
Desinformation ist eine der größten Bedrohungen für die Demokratie. Um Menschen besser dagegen zu wappnen, startete am 8. Oktober in Augsburg eine bundesweit einzigartige Initiative: „Augsburg checkt’s“. Das Projekt wird gemeinsam getragen von der Deutschen Presse-Agentur (dpa), der Stadt Augsburg, den Stadtwerken Augsburg (swa), der Augsburger Allgemeinen und der Günter Holland Journalistenschule (GHJS). Bürgerinnen und Bürger können ab sofort im gesamten Stadtgebiet auf Faktenchecks zugreifen, etwa beim Warten auf Bus oder Tram. Ein QR-Code mit der markanten Zirbelnuss führt direkt zu täglich neuen Prüfungen, die von den Volontärinnen und Volontären der GHJS bereitgestellt werden. Verfasst wurden sie von der dpa-Faktencheck-Redaktion.
Die Initiative vermittelt journalistisches Faktenwissen im öffentlichen Raum und soll Bürgerinnen und Bürger befähigen, Desinformation zu erkennen und kritisch mit Medieninhalten umzugehen. Augsburg zählt mit rund 300.000 Einwohnern zur drittgrößten Stadt Bayerns, die Augsburger Allgemeine zu einer der größten regionalen Tageszeitungen in Deutschland.
In fünf Monaten, am 8. März, sind in Bayern Kommunalwahlen. „Eine demokratische Gesellschaft kann nur dann funktionieren, wenn Entscheidungen auf Basis von Fakten getroffen werden. Fakten, die für alle Menschen gleichermaßen gelten“, sagt Sven Gösmann, Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur.
Auch Peter Müller, Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, unterstreicht den journalistischen Anspruch der Initiative: „Faktenchecks machen journalistische Arbeit transparent. Bei ‚Augsburg checkt’s‘ zeigen wir, wie sorgfältige Überprüfung funktioniert – und fördern so ein kritisches, aufmerksames und selbstbestimmtes Medienverständnis. Wer nicht auf Desinformation hereinfällt, kann sich besser eine eigene Meinung bilden.“
Augsburgs Oberbürgermeisterin Eva Weber hebt die gesellschaftliche Relevanz des Projekts hervor: „Fakten sind das Fundament unserer Demokratie. Nur wenn wir Informationen kritisch hinterfragen und verlässlich einordnen, können wir als Gesellschaft gute Entscheidungen treffen.“ Die Initiative, so Weber weiter, „schärft genau dieses Bewusstsein und macht die Augsburgerinnen und Augsburger widerstandsfähiger gegen Fake News.“
Die Faktenchecks werden nicht nur in den Trams und Bussen der swa sichtbar oder hängen auf Plakaten an öffentlichen Plätzen, sondern sind auch online unter www.azol.de/augsburgcheckts abrufbar.
Leserinnen und Leser können zudem aktiv mitwirken, indem sie verdächtige Inhalte oder Fotos per WhatsApp an 0160 / 347 6409 weiterleiten (Hinweis: kein Anspruch auf Bearbeitung).
Lea Thies, Leiterin der Günter Holland Journalistenschule, sieht in der Aktion einen Bildungsauftrag: „Mit ‚Augsburg checkt’s‘ machen wir die Bürgerinnen und Bürger fit gegen Desinformation. Faktenchecken ist ein Handwerk, das jede und jeder lernen kann. Wir geben das Wissen der dpa-Faktenchecker an die Menschen in unserer Stadt weiter, damit sie eigenständig Lügen im Internet erkennen. Schließlich möchte niemand gerne angelogen werden.“
Auch die Stadtwerke Augsburg unterstützen das Projekt. „Medien tragen eine große Verantwortung für Demokratie und Freiheit“, sagt Rainer Nauerz, Geschäftsführer der swa. „Fake News erzeugen Unsicherheit – sie bremsen Investitionen und wirtschaftliches Wachstum. Umso wichtiger ist es, Nachrichten richtig einzuordnen.“
(Quelle: Mediengruppe PD, PM 13.10.2025)
III. Sonstiges
Medientage München 2025: Rabattierte Tickets für unsere Mitglieder
Als Partner der Medientage München 2025, die vom 22. bis 24. Oktober 2025 unter dem Titel „WTFuture?!“ stattfinden, können wir unseren Mitgliedsverlagen wie in den vergangenen Jahren wieder rabattierte Tickets für diesen großen Medienkon-gress anbieten: 10% Preisnachlass für alle regulären Konferenztickets (3-Day Pass, Day Pass oder Conference Premium). Der Rabatt bezieht sich auf den jeweils aktuell gültigen Ticketpreis.
Wenn Sie von dem Preisnachlass profitieren möchten, wenden Sie sich bitte an die VBZV-Geschäftsstelle, Dorothea Fontaine, Tel.: 089/ 45 55 58-115 bzw. Mail: fontaine_at_vbzv.de.
Nähere Informationen zum umfassenden, dreitägigen Programm der Medientage München 2025 finden Sie unter https://medientage.de.